2026 – Salinenfest zu Rheine
2026 – Salinenfest zu Rheine

2026 – Salinenfest zu Rheine

Es war in jenen Tagen, da die Sonne über Reni ihre volle Kraft entfaltete und die alte Saline, die seit fast tausend Jahren ihr weißes Gold aus der Tiefe der Erde schöpft, die Vagabunden wieder zu sich rief. Doch noch ehe das erste Seil gespannt, das erste Zeltdach errichtet war, hatte sich das Schicksal bereits gewandelt: Der Weise, jener stille Lenker der Plätze, hatte gesprochen, und sein Wort verbannte uns von der altvertrauten Teletubbies-Wiese hinaus auf Wiese Fünf, weiter draußen gelegen, dem Rand der Welt näher als dem Zentrum des Marktes.

Was zunächst wie Verbannung klang, entpuppte sich als Segen der Ahnen. Weiter Raum tat sich vor uns auf, kein knorriges Geäst stellte sich der hochragenden Jurte und dem stolzen Küchenzelt in den Weg, und zum Dank für die neue Heimstatt durften wir zwei Stunden früher mit dem großen Werk beginnen. Schon um die zehnte Stunde des Donnerstags griffen die Hände zu, und der Jarl, wie es seit jeher seine Bestimmung ist, teilte mit der Ruhe eines Herrschers und dem Blick eines Baumeisters: zuerst die Jurte, dann die Küchenplane, dann das Zelt der Nahrung, Stück um Stück, bis aus leerem Grasland ein kleines Königreich erwuchs. Das Götzometer maß die Linien der neuen Welt, und wer vorne stehen wollte, dem wurden diesmal die begehrten Frontmeter mit Blick zur Straße zuteil. Nie zuvor war ein Aufbau so reibungslos vollzogen worden wie an diesem Tag. Zur Belohnung für solch redliche Arbeit kredenzten Michi und Julia ein Aufbauessen von solcher Vielfalt, dass es allseits wie ein Festmahl der Götter gefeiert wurde.

Doch schon in den ersten Stunden des Werkes forderte die Unachtsamkeit ihr kleines Opfer: Wer die Axt zum Holze schwingt, tue gut daran, zuvor den Lederschutz von ihrer Schneide zu nehmen – eine uralte Weisheit, die einer der Unseren an diesem Tag auf schmerzhafte Weise neu erlernen musste, als die Klinge den vergessenen Schutz kurzerhand durchtrennte.

Am Freitag nun zeigte sich, wie sehr der Durst der Renis in diesem Jahr die Maße der Vernunft sprengen sollte. Wohlbekannt und in den Annalen vielfach besungen ist es, dass wir dem Gerstensaft auf dem Salinenfest mit besonderer Inbrunst huldigen – schließlich lässt sich am Samstag stets neue Ware herbeischaffen, und so trinken wir getrost das Doppelte dessen, was Vernunft geböte. Doch ehe dieser Freitag sein Licht verlor, hatten gerade einmal fünf wackere Zecher jene Menge geleert, die sonst ein ganzes fünftägiges Fest zu tragen hatte: hundertfünfzig Flaschen, dem Erdboden gleichgemacht binnen zweier Tage. Ein Hilferuf erging an Arne, dessen Lager zwei weitere Kisten aus seinem Vorrat opferte, ehe am folgenden Morgen der reguläre Nachschub eintraf wie ein Rettungstrupp in letzter Stunde.

Zur Stärkung nach solch durstigem Tagwerk sorgten Thorsten und die Völva für Gemüse-Reis mit Curry, während Julia einen Wikingerfladen kredenzte, würdig jedes nordischen Königs.

Erst als die Mägen gefüllt und die Becher neu gefüllt waren, nahm der Abend seinen eigentlichen Lauf. Denn an diesem Freitagabend weilte die befreundete Heilerin Kira Dycker im Lager. Zunächst erkundigte sie sich beim Jarl nach dessen leidigem Arthroseknie – was der Medicus wohl geraten habe? „Nun“, sprach der Jarl mit der Trockenheit eines alten Runensteins, „abnehmen hilft.“ Kira und der Jarl ergingen sich alsbald in heiterem Spott darüber, wie weise dieser Rat doch sei, würde der Jarl doch mit jedem Jahr ein wenig stattlicher. Da aber fuhr Tipi, von heiligem Zorn ergriffen, dazwischen: „Was ist das denn für ein Medicus, der so etwas einfach behauptet?!“ Kira und Jarl blickten ihn an wie zwei Eulen ein verirrtes Lamm. „Na doch, wieso denn nicht?“ Und Tipi, unerschütterlich in seiner Empörung: „Na, dass man einfach das Bein abnehmen muss!“ So lehrte uns dieser Abend, dass ein einziges Wort viele Beine tragen kann – und nicht jedes davon dem Messer weichen muss.

Kira wandte sich noch in derselben Nacht einem zweiten Anliegen zu: Thorsten hatte sich zuvor eine Verletzung am Bein zugezogen und war von den örtlichen Sanitätern versorgt worden – eine Behandlung, die sie mit kundigem Blick für unzureichend befand. Thorsten, dem Lagerarne zu dieser Stunde bedenklich nahe und der eigenen Zunge kaum noch mächtig, verwahrte sich mit letzter Kraft: „Ich bin gar nicht dumm, ich bin innihilent!“ – ein Wort, das die Geschichtsschreiber der Renis fortan mit besonderer Zärtlichkeit in den Annalen bewahren werden, gleich einer verlorenen Rune, deren Bedeutung sich nur dem Eingeweihten erschließt.

Der Samstag begann mit einer Szene, die dem einen oder anderen für immer ins Gedächtnis gebrannt sein dürfte: Tipi, der an diesem Tag die Kochpflicht trug, hatte Eier gekocht – wobei das Weiße noch ein wenig zu wabbelig geriet für den gemeinen Gaumen. Doch siehe, was Thorsten tat: Mit einer Ruhe und Zärtlichkeit, wie man sie sonst nur der Pflege heiliger Reliquien zubilligt, führte er das Messer über die zarte Schale und schälte das Ei mit solcher Behutsamkeit, dass Herzog und Jarl nicht umhinkonnten, laut zu mutmaßen, wie wohl Thorstens Hand an intimeren Gefilden des Körpers verführe. Die Rede driftete, wie es unter Männern am Feuer nun einmal geschieht, noch weiter ins Unziemliche – bis hin zur wohlgemeinten Empfehlung, das Ei doch gleich auszulutschen, auf dass kein Tropfen des kostbaren Weißen verlorengehe. Zu allem Überfluss hatte Tipi sein Werk gar anderthalb Stunden vor der vom Jarl verkündeten Marktzeit begonnen – was ihm prompt dessen Unmut einbrachte, denn gekocht werden soll bekanntlich nur, wenn der Markt selbst erwacht ist. Und als wäre dies nicht Zeichen genug, servierte er am Abend sein Schnippelfleisch mit Kartoffeln, Rosenkohl und einer Käse-Sahnesoße auch noch zehn Minuten zu früh, sodass mancher zu spät zu Tische kam – neben Fabians Pilzpfanne, die pünktlich und tadellos ihren Platz auf der Tafel fand. Ein Wunder geschah zudem an diesem Wochenende, wie es die Chronisten der Renis kaum ihrer Feder anzuvertrauen wagen: Das Essen war, entgegen jeder überlieferten Lagerordnung, an fast allen übrigen Tagen zur rechten Stunde bereit – ganz wie schon beim Anno zuvor.

Als die Nacht zum Sonntag heraufzog und die zweite Stunde nach Mitternacht schlug, näherten sich acht dunkle Gestalten der Kreuzung vor unserem Lager, bereits gestellt von den wachsamen Augen benachbarter Lager. Eine hitzige Zwiesprache entspann sich, gleich einem Sturm, der sich über der Ebene zusammenbraut. Als der Jarl sich schließlich von seinem Sitz erhob, um selbst nach dem Rechten zu sehen, verfiel Thorsten in heillose Furcht: „Oh Gott, oh Gott, der Jarl steht auf, jetzt geht’s los!“ Der Jarl indes lauschte den Fremden in unerschütterlicher Ruhe – sie gaben vor, Pizza gebracht zu haben, geladen von „einem Mann mit Bart und einer Frau“, eine Beschreibung, die auf einem Mittelaltermarkt wohl die Hälfte aller Anwesenden träfe. Der Jarl sprach sein Machtwort: Platzverweis, oder die Stadtwache werde gerufen. Er zählte, wie es die alte Sitte verlangt, von drei herab – und schon bei eins setzten sich die acht Schatten in Bewegung.

Doch auf der Straße flammte die Lage von neuem auf durch einen Hinzugekommenen, ehe ein Kreuzritter die Zügel des Geschehens ergriff und mit ruhiger Hand Frieden stiftete. Die acht Gestalten strebten zu ihren Wagen – stolzen AMGs mit Hamburger Zeichen –, doch kamen sie nicht zum Einsteigen, denn ein anderes Lager war bereits mit brennenden Fackeln auf dem Parkplatz erschienen, gleich einem Heer, das sich aus dem Dunkel erhebt. Von Furcht ergriffen und nach kurzem Zögern bestiegen die Fremden schließlich ihre Wagen und entschwanden in die Nacht – „nur dank Tipi“, wie dieser seither unermüdlich in jeder Wirtsstube verkündet, obgleich die Wahrheit eine andere, weit weniger heldenhafte Geschichte zu erzählen weiß.

Der Sonntag selbst verlief in ruhigeren Bahnen, gekrönt von einem Mahl, wie es nur der Jarl höchstselbst zu bereiten vermag: seine berühmte Gemüsepfanne, begleitet von Arnes Fleischrollspieß.

Am Montag schließlich, dem Tag, da das Lager wieder in die Erde zurücksinkt, aus der es erwachsen war, ereignete sich ein letztes Verbrechen von epischem Ausmaß: Der Instantkaffee, treuer Weggefährte jedes Morgens, war spurlos aus der Welt verschwunden. Der Jarl – denn ein wahrer Jarl läuft bekanntlich nur auf Kaffee, wie ein Drache nur auf Gold – durchstreifte anderthalb, gar zwei Stunden das gesamte Lager, gleich einem Suchenden auf der Fährte eines gestohlenen Schatzes. Erst als der Huscarl, reichlich verschlafen, aus seinem Zelt trat – den Kaffee lässig in der Hand haltend und bereits mit dem kühnen Anspruch, für dessen „Wiederauffindung“ gefeiert zu werden –, klärte sich das Rätsel. Der Übeltäter war er selbst gewesen: Beim abendlichen Aufräumen hatte er den Kaffee, statt ihn ins Küchenzelt zu verräumen, versehentlich in sein eigenes Zelt entführt. Nicht ganz unschuldig daran: die Nähe der bezaubernden Lea, die des Huscarls Sinne von jeher zuverlässig zu vernebeln pflegt. Zum Abschied vom Platz war es die Völva, die mit belegten Brötchen für alle das Fest in Frieden beschloss.

Ein letztes Wort

Nicht zuletzt sei von jenem stillen Kampf berichtet, den der Huscarl das ganze Wochenende über gegen ein einziges Wort führte: „Tatsächlich.“ Dieses Wort, dem Huscarl seit jeher ein Dorn im Fleische, hatte sich derart im Sprachgebrauch des Lagers festgesetzt, dass man es schließlich zählte wie die Trommelschläge einer heraufziehenden Schlacht. Man einigte sich, fortan würdigere Worte zu wählen – „fürwahr“, „wahrhaftig“ – und hielt sich, tatsächlich, kaum daran.

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