

Selten schreiben die alten Götter ein Kapitel ohne Regen und Zorn – doch in jenem Jahr, da die Vagabunden erneut gen Norden zogen, um sich der Schlacht von Nordendi zu stellen, schien selbst Thor die Waffen ruhen zu lassen. Die Sonne stand hoch, der Himmel blieb makellos blau, und mancher alte Recke rieb sich verwundert die Augen: Wann zuletzt hatte ein Markt sie mit solcher Milde empfangen? Es war, als hätten die Ahnen beschlossen, den Vagabunden einmal Frieden mit dem Wetter zu schenken – auf dass sie sich umso hemmungsloser ins Chaos ihrer eigenen Taten stürzen konnten.















Und ins Chaos stürzten sie sich, wie es ihre Art ist. Schon in den ersten Nächten offenbarte sich, wer fortan über den Schlaf der Sippe wachen sollte – nicht Heimdall mit seinem Horn, sondern Tippi mit seiner Lunge. Ein jeder Morgen begann mit seinem Husten, gewaltig wie das Bersten von Eis auf einem zufrierenden See, und ehe der erste Hahn krähte, war das ganze Lager längst wach. Kein Wecker der Welt hätte zuverlässiger gedient. Einmal jedoch, nur ein einziges Mal, schwieg auch dieser Husten – und die Sippe erwachte in jener seltenen Stille, die man sonst nur aus alten Liedern von versunkenen Zeiten kennt.

Auch Arne sollte in dieser Woche seinen Platz in den Chroniken finden, wenn auch auf schmerzlichem Wege. Mit der Axt in der Hand trat er dem Holze entgegen wie ein Berserker dem Feind – doch das Holz wehrte sich, und die Klinge fand nicht den Stamm, sondern den eigenen Fuß. Ein Schrei, ein Schrecken, eine Fahrt ins Krankenhaus der Sterblichen – und als Arne zurückkehrte, humpelnd, doch ungebrochen im Stolz, trug er fortan einen neuen Namen durch die Reihen der Vagabunden: der Holzspalter von Temu, so unzuverlässig und tückisch wie jenes Billigwerkzeug, dem er seinen Spitznamen verdankte. Zwischen den Hackversuchen fand er noch Zeit, durchs Lager zu ziehen und seine berüchtigten Lauch-Interviews zu führen – wonach er fragte, was er damit bezweckte, weiß bis heute niemand, doch gelacht wurde stets.



Nicht minder denkwürdig war das Schicksal des Huscarl. Als es galt, die Wagen und Anhänger zu verbringen, bestieg Barbaka den Bulli, um sich noch zu setzen – doch Traluja, die das Lenkrad führte, gönnte ihm diese Gnade nicht. Ehe er Halt gefunden hatte, ruckte der Wagen an, und der Huscarl, von der Trägheit der Masse überwältigt, fiel geradewegs auf den Jarl selbst. Zwei Männer, ein Sturz, ein Gelächter, das noch lange über die Drachenwiese hallte – so viel zur Würde des zweithöchsten Amtes der Sippe.







Der Aufbautag selbst brachte weitere Prüfungen: Kaum war das Lager gestanden, war auch schon das alkoholfreie Weizen zur Neige gegangen – ein Verlust, der von einigen Vagabunden mit derselben Ernsthaftigkeit betrauert wurde, mit der sonst über verlorene Schlachten gesprochen wird. Barbaka selbst schien in dieser Woche neue Wege des Lernens zu beschreiten: Sein Handy entglitt ihm gänzlich aus dem Gedächtnis, und als er sich unschuldig erkundigte, wie man denn die Tische am rechten Wege abwische, erntete er das nachsichtige Schmunzeln jener, die solches Handwerk längst beherrschten. Doch wer glaubte, der Huscarl tauge nur zum Lernenden, der irrte: Zum ersten Mal in der Geschichte der Vagabunden stellte er sich selbst an den Feuerplatz und briet Burger von solcher Güte, dass man ihm fortan wohl kaum mehr die Küche verwehren wird.





Auch dies blieb der Sippe nicht verborgen: Mehr als einmal ward der Huscarl mit einer Brille von auffällig moderner Machart gesichtet – ein Anblick, der so gar nicht zum sonstigen Bild des Barbaka passen wollte. Ob ihn die gleißende Sonne zu diesem Schutze zwang, oder ob vielmehr der Met des Vorabends seine Augen zu blenden pflegte, darüber wird in der Sippe noch immer gemunkelt, und eine endgültige Antwort ward bislang nicht gefunden.


















































Generell haben sich wieder alle Köche selbst übertroffen, wir werden nur langsam bereits zum Mittag dekadent.










Doch die größte Erhebung dieser Tage war keine Schlacht im Sande, sondern eine Eroberung ganz anderer Art. Der Jarl und Laurin von Iventos, Herrin über das Fest selbst, verschworen sich wie einst Verbündete vor großen Feldzügen und ersannen einen Plan von solcher Kühnheit, dass er die Grenzen der eigenen Sippe sprengte: Das Riesenrad der Drachenwiese sollte fallen – nicht durch Axt und Schwert, sondern durch schiere Übermacht der Zahl. So rief man die Lager der Wikinger zusammen, Freund und Fremder, Nachbar und Bündnispartner, und gemeinsam zog man, ein Heer aus Fellen und Hörnern, auf das drehende Ungetüm zu. Was als Scherz begann, wuchs zur Legende: Reihe um Reihe stürmten die vereinten Krieger die Gondeln, und für einen Wimpernschlag gehörte das Riesenrad nicht dem Rummelplatz, sondern den Nordmännern. Marktbesucher blieben stehen und staunten, ob sie einem Spektakel oder einer wahrhaften Landnahme beiwohnten – und noch lange sprach man in Nordendi von jenem Tag, da die Wikinger den Himmel selbst zu erobern suchten.
Des Nachts, wenn das Lager zur Ruhe kam, erschien mitunter ein Schatten zwischen den Zelten – Achim, Vater des Barbaka, der eigentlich einem Feste auf der fernen Insel Norderney beiwohnte, es sich aber nicht nehmen ließ, die Fähre zu nehmen, um seinen Sohn heimlich des Nachts zu besuchen, ehe er zurück übers Wasser zog. Und ehe er von dannen zog, schlug er noch ein letztes Mal zu: Was vom Feuerlaufen an Rollrasen übrig geblieben war, verlud er kurzerhand in sein eigenes Gefährt – ein Handstreich, über den man sich in der Sippe noch lange die Mäuler zerreißen wird.

Ein Licht wärmerer Art erhellte das Lager, als Laurenja ihren neuen Gefährten Micha in den Kreis der Vagabunden führte. Doch ehe Willkommen gesprochen wurde, nahm sich der Jarl seiner an und führte ihn einmal in aller Ausführlichkeit an sämtlichen Waffen des Lagers vorbei – mit ernster Miene erläuterte er, was mit ihnen zu geschehen pflege, sollte seiner Schwester je ein Leid widerfahren. Erst danach, und nicht einen Atemzug früher, ward Micha herzlich in die Runde aufgenommen.
Das größte Wort jedoch behielt sich der Huscarl bis zum Schluss vor. Kleinlaut, doch mit einem Leuchten in den Augen, gestand Barbaka, dass er und Lea bereits seit dem Mai des Jahres verlobt seien – ein Geheimnis, das er wohl noch länger gehütet hätte, hätte der Jarl nicht auf einer Sondersitzung bestanden. Vor versammelter Sippe musste Barbaka die frohe Kunde verkünden, denn, wie der Jarl mit Nachdruck sprach: Wir sind eine Familie, und solche Neuigkeiten gehören allen, die am selben Feuer sitzen.
So neigte sich ein Markt dem Ende, wie ihn die Vagabunden lange nicht erlebt hatten – unter freundlicher Sonne, bei vortrefflichem Mahl, mit blutendem Fuß und fallendem Huscarl, mit erobertem Riesenrad, nächtlichen Fähren und heimlichen Verlobungen. Und während das letzte Bier aus den Fässern floss und die letzten Geschichten am Feuer verklangen, war sich ein jeder Vagabunde sicher: Diese Schlacht von Nordendi würde noch lange in den Erzählungen der Sippe weiterleben.








































