Am letzten Tage des Wonnemonds
Ehe die Sonne des Brachmondes auf die Gefilde von Gütersloh fiel, rüsteten die Vagabunden
Renis zum dritten Male für das Anno 1280. Die Völva Alva besorgte die Vorräte mit jener stillen
Entschlossenheit, die nur ihr eigen ist. Der Jarl beschaffte die Getränke – und wer die Chronik
kennt, weiß, dass dies kein geringes Werk ist. Tipi und der Huscarl Barbaka halfen beim Beladen
des Anhängers. Es war ein gutes Beginnen. Bis der Jarl zur Plane griff.
Was dann geschah, ist mit wenigen Worten gesagt: Er riss sie. Die Plane des blauen Anhängers.
In zwei saubere Hälften. Nicht durch List oder Feindeskraft – sondern durch jene besondere
Mischung aus Entschlossenheit und Unaufmerksamkeit, die den Jarl in solchen Momenten
auszeichnet. Man blickte ihn an. Er blickte auf die Plane. Die Plane schwieg. Und so begann das
Anno 1280 des Jahres 2026.


Mittwoch – Die Ankunft
Am dritten Tage des Brachmondes brach der Tross auf. Sammeln am Röhrbach, Fahrt gen
Gütersloh – ein Weg, den man nun kannte wie den Weg zur eigenen Schwelle. Doch das Gelände
empfing die Recken nicht mit trockenem Boden und Willkommensgruß, sondern mit jenem
Anblick, den Krieger fürchten und Bauern verfluchen: einer ausgedehnten Schlammgrube, über die
sich der Platz von Gütersloh in diesen Tagen in seiner vollen Pracht erstreckte. Zum Entladen
durften die Gespanne noch auf das Gelände – doch danach galt es, die Fahrzeuge anderswo zu
versorgen. Manch eines fand einen weiten Platz in der Ferne, manch anderes den Parkplatz des
Güterbahnhofs, der fortan bis zum Sonntag verschlossen blieb. Das Reservefahrzeug freilich stand
sicher: Der Jarl – weise, wie er mitunter ist – hatte im Vorfeld einen nahe gelegenen Platz
organisiert, auf dem es Unterschlupf fand.



Der Einlass auf das Gelände geschah in geordneter Blockabfertigung: stets nur wenige
Gespanne auf einmal, ruhig und bedächtig, wie es der Veranstalter verfügte. Was sich zunächst nach
Bürde anfühlte, entpuppte sich als Segen – kein Gedränge, kein Chaos, nur der gleichmäßige Fluss
von Kiste, Plane und Kriegervolk in sein Lager. Der Aufbau verlief dem Schlamm zum Trotz in
guter Ordnung, und der Veranstalter, dem die Organisation dieses Festes seit Jahren mustergültig
gelingt, sei dafür gelobt

Erstmals schwang der Jarl auch auf dem Anno-Feld den Götzometer – jenes heilige Metermaß,
das einst allein in den Händen des Marktmeisters Götz zu Nordendi lag, mit dem er über
Lagerbreiten und Platzkontingente herrschte wie ein König über seine Meilen. Doch die
Vagabunden hatten sich ihr eigenes Exemplar beschafft, bereits beim Wintermarkt des vergangenen
Jahres – und nun war es da, griffbereit in des Jarls Hand, ein Werkzeug der Ordnung und im Notfall
auch der Gegenwehr. Das Nachbarlager begehrte sogleich Ausleihe. Man überlegte. Man gewährte.
Für die Versorgung der hungrigen Recken an jenem Aufbautag war Moni zuständig – und sie
erschien, wie es ihre Art ist, nicht mit leeren Händen: Kuchen, Eier, Schnitzel, Nuggets, Baguettes,
Zaziki und Krautsalat fanden ihren Weg ins Lager. Fingerfood für Krieger, die Zelte aufschlagen
und Götzometer schwingen. Es war gut.

















Donnerstag – Pferde, Flecken und Tnorsten am Herd
Der erste volle Markttag brachte neben dem Treiben des Volkes auch jene Ereignisse, die man
sich noch lange erzählen sollte. Zwei Pferde, die aus der Koppel der Reiter ausgebrochen waren,
galoppierten durch das Lager der Vagabunden – stiegen gar auf, als wollten sie den Göttern ihre
neugewonnene Freiheit beweisen. Kein Zelt wurde gerissen, kein Seil gelöst. Ob das Lager gut
gebaut war oder die Pferde Respekt vor dem hatten, was sie sahen – beides ist denkbar.




Am Donnerstag trat der Jarl zum großen Bogenturnier an – den Langbogen in der Hand, den
Blick auf die Scheibe gerichtet, das Herz voller stiller Zuversicht. Und wahrhaftig: Die ersten
beiden Pfeile auf zehn Schritt flogen, als hätten die Nornen selbst die Sehne gespannt – volle
Trefferwertung, beide Male, sauber und ohne Zögern. Doch der dritte Pfeil, von den Göttern mit
Humor gesegnet, glitt von der Sehne, bevor er recht gezogen war, und landete irgendwo zwischen
Absicht und Schicksal – jedenfalls nicht im Pfeilfang. Auf fünfzehn Schritt dann jener Treffer, der
den Chronisten fast um Worte bringt: Der Pfeil fand das Ziel – zweifelsfrei, sauber, unbestreitbar. Er
fand es auf der Nullpunktlinie. Mit einer Präzision, die man eigentlich hätte loben müssen, wäre sie
nicht so vollkommen nutzlos gewesen. Auf zwanzig Schritt raffte sich der Jarl noch einmal auf und
holte mit drei Pfeilen achtbare Punkte heraus – zu wenig freilich, um die Wende zu erzwingen. Er
schied aus dem Turnier aus. Mit Haltung. Und dem stillen Vorsatz, die Sehne beim nächsten Mal
besser im Griff zu behalten.





Ebenfalls an jenem Donnerstag quittierte die Kühlbox still und ohne Vorwarnung ihren Dienst.
Man nahm es mit Fassung. Was bleibt einem auch anderes übrig. Und des Abends kamen der Jarl,
die Völva und Moni gemeinsam hinter das Geheimnis der schwarzen Flecken am Geschirr. Die Spur
führte zurück zum Beltanefest: Arne hatte dort, angestoßen durch Haldor, einen Dutch Oven von
seinem Ruß befreit – und als Waschbecken für dieses Werk die Waschwanne des Lagers genutzt.
Das Ergebnis war ein Gemisch aus Ruß und Öl, das sich ohne fließendes warmes Wasser schlicht
nicht entfernen ließ. Die Waschwanne trägt seither die Zeichen dieser Tat. Sie gilt als
möglicherweise auf ewig versaut. Eine Neuanschaffung wird erwogen.





Den Abend bestritt Tnorsten am Herd – und wer die Vagabunden kennt, weiß, dass man von
ihm nichts anderes als das Beste erwarten darf, denn er zählt zu den versiertesten Köchen der Sippe.
Schweinelendchen, Bohnen im Speckmantel, Reis und eine Rahmsoße: Das Lager aß, nickte und
schwieg in jener zufriedenen Art, die mehr sagt als jedes Lob. Tipi sorgte am nächsten Morgen
dafür, dass die Reste des Vortages zu einem würdigen großen Frühstück wurden – eine Aufgabe, die
er auf diesem Markt an jedem Morgen mit stiller Hingabe übernahm.
Freitag – Tipi-Topi und die Weingummis des Verderbens
Der Freitag brachte eine Fügung, die die Geschichte der Vagabunden um ein neues Kapitel
bereicherte: Tipi und Tnorsten, zwei Geister von unterschiedlicher Gestalt und unbestreitbar
gleicher Torheit, fanden zueinander wie Patt und Patterchen, wie vier Fäuste für ein Halleluja –
fortan bekannt als Tipi-Topi. Was die beiden gemeinsam anstellten, entzieht sich der geordneten
Darstellung. Es genügt zu sagen: Man sah sie und wusste sofort, dass dies keine gute Idee sein
würde. Man hatte stets recht.
An jenem Freitag zogen auch die Sanitäter ihre gewohnte Runde – und als eine besonders
bildhübsche Sanitäterin vorbeikam, die die Herzen der Männer an die Elbinnen Mittelerdes
gemahnte, befiel Tnorsten und den Jarl auf wundersame Weise ein Kreislaufzwicken, ein
Rückenschmerz, eine plötzliche Schwäche. Behandelt wurden sie freilich nie – denn sobald die
Elbin sich näherte, versiegte der Schmerz ebenso rasch, wie er gekommen war, und die beiden saßen
wieder aufrecht da, kerngesund und scheinbar ahnungslos. Die Elbin zog weiter. Die Würde blieb
zurück. Die Völva, die das Schauspiel aus einiger Entfernung beobachtet hatte, würdigte den Jarl
eines Blickes, der keine weiteren Worte benötigte
Tipis Weingummis kursierten an jenem Abend durchs Lager mit dem tadellosen Ruf völliger
Harmlosigkeit. Dieser Ruf erwies sich als tragisch falsch, sobald man acht davon konsumierte. Man
hätte es wissen können. Man wusste es jetzt. Üwey, der dies zur Kenntnis nahm, zog dennoch an
jenem Abend mit Tnorsten durch die Gassen des Marktes – und am Samstag noch einmal. Was
daraus folgte, ist weiter unten verzeichnet.





Den Abend bestritt Tipi am Herd: Schnitzel, Kartoffeln, Blumenkohl mit heller Soße und
Salatbeilage – schlicht, sättigend, gut. Das Lager aß und war zufrieden. Und Tipi sorgte am nächsten
Morgen erneut dafür, dass die Reste des Vortages zu einem großen Frühstück wurden, das die
Recken für den Tag rüstete.




Samstag – Der Gaukler, das Angeln und der Besuch
Der Samstag brachte den Auftritt eines Gauklers, der durch das Lager zog und mit dem Blick
des Kenners jenen Mann suchte, der ihm passte. Sein Auge fiel auf Üwey – und er fand in ihm Ivar
den Häcklichen, russischen Hacker und Meister des Tinder-Betrugs, bekannt aus zahllosen
gefälschten Profilen, mit denen er hübsche und weniger hübsche Frauen übers Ohr zu hauen pflegte.
Üwey spielte die Rolle mit jener Würde, die an vollständige Selbstverleugnung grenzt. Das Lager
bog sich. Und noch in derselben Vorstellung enthüllte der Gaukler ein weiteres Kapitel der
Tipi-Topi-Saga: wie Tnorsten – in einer anderen, denkwürdigen Stunde – das Kamasutra gesungen
hatte. Nicht laut. Aber ausdauernd. Die Wahrheit dieser Begebenheit liegt im Dunkeln; dass sie
fortan als Legende gilt, ist verbürgt.
Tipi und der Huscarl Barbaka versuchten derweil ihr Glück mit einer Methode, die in ihrer
Schlichtheit bestach: ein Fünf-Schilling-Schein an einer Schnur, ausgelegt vor dem Lager, und
Geduld. Die vorbeiströmenden Marktbesucher sollten für den Braten gefangen werden. Die
Erfolgsquote war überschaubar. Die Unterhaltung jener, die zusahen, war beachtlich.

Am Abend trat Üwey an den Herd und bewies, dass er nicht nur als russischer Hacker zu
überzeugen weiß: eine scharfe Soße mit Nudeln und Brokkoli, die das Lager in wohlige Wärme
tauchte und manch einen schweißtreibend überraschte. Man aß. Man trank. Man war beisammen.
Und am Samstagabend besuchte auch Lea, des Huscarls Freundin, das Lager zum ersten Male – und
hinterließ einen Eindruck, der in diesen Zeilen festgehalten sei.

Sonntag – Schlittschuhe, Schrammen und das große Chaos


Was das Küchenzelt verbirgt, offenbart sich erst, wenn man es betritt – und wenn der Boden
eine leichte Nässe trägt und die Sohlen des Jarls so glatt sind wie frisch poliertes Eis aus dem Palast
des Eisriesen. Denn am Sonntag entdeckte der Jarl eine bislang verborgene Begabung: das Gleiten.
Schritt für Schritt. Manchmal beidbeinig. Gelegentlich in einem Spagat, der mehr mit
Notwendigkeit als mit Kunst zu tun hatte. Die Götter sahen es. Die Götter schwiegen. Und der Jarl
fing sich – jedes Mal, wenn auch knapp.
Die Sanitäterin zog erneut ihre Runde – und erneut befiel den Jarl auf wundersame Weise jenes
bekannte Zwicken. Erneut versiegte es, sobald Hilfe nahe war. Erneut saß er aufrecht da,
kerngesund und ahnungslos. Die Völva beobachtete dies mit einem Blick, der an Geduld reich und
an Überraschung arm war. Sie sagte nichts. Sie musste nichts sagen.
Das Schicksal hatte für Runa an jenem Tag vorbereitet: Die Rüstung des
Jarls, achtlos gelagert oder vom Schicksal gestellt, traf sie mit voller Wucht. Sie fiel. Die
Schrammen am Bein bezeugen es. Der Jarl war betroffen. Runa erholt sich. Ebenfalls am Sonntag
hustete und schnupfte Aistla bereits seit Tagen – bis sich endlich der wahre Schuldige offenbarte:
nicht die Wiese, nicht die Luft, sondern der Strohballen, den man zum Abdecken des Schlamms
herbeigeschafft hatte. Aistla hatte darin gelegen wie in einem Bett. Die Heuallergie dankte es ihr auf
ihre Weise.
Üwey, der nun zwei Abende mit Tnorsten durch die Gassen gezogen war, traf am Sonntag eine
Entscheidung von unerschütterlicher Klarheit: nie wieder. Einmal hätte gereicht. Das ist kein Urteil
über Tnorsten – aber ein klares Urteil über die eigene Belastbarkeit



Grimwald trat an den Sonntagsherd und vollendete den Reigen der Abendessen mit einem
Bud-Spencer-Bohneneintopf, der das Lager sättigte und wärmte und an jene einfachen, beständigen
Wahrheiten erinnerte, die gutes Essen vermitteln kann. Tipi sorgte auch diesmal am Morgen für ein
großes Frühstück aus den Resten des Vortages – und das Lager dankte es ihm still und mit vollem
Munde.
Dann war da noch der Parkplatz des Güterbahnhofs, auf dem Fahrzeuge bis zum Sonntag
eingeschlossen gewesen waren. Was beim Aufbau noch geordnet gelöst worden war, gestaltete sich
nun beim Abbau zunächst chaotisch: Die nötigen Hinweise zur Abfahrt kamen erst nach
mehrmaligem Nachfragen von den Marktherren – ein kleines, verzeihliches Manko bei einem
Veranstalter, dessen Organisation sonst mustergültig ist. Am Ende rollten alle Gefährte, und kein
Wagen blieb zurück.
Montag – Abbau, Gulasch und der Abzug
Der Abbau am Montag des sechsten Tages verlief zügig und in guter Ordnung. Noch vor der
elften Stunde verließ die Sippe das Feld. Lea, des Huscarls Freundin, half beim Abbau und beim
Einlagern am geheimen Lagerort – und ihr Gulasch, das sie dort für alle gekocht hatte, nährte Leib
und Seele gleichermaßen, ehe man sich auf den Heimweg machte. Gegen die dritte
Nachmittagsstunde saßen alle frisch gesättigt und zufrieden, bereit für die Fahrt zurück nach Reni.
Sei hiermit auch verewigt: Lea soll beim Salinenfest endlich als vollwertige Lagernde dabei sein.
Die Vagabunden werden sie willkommen heißen
Zur Nachbesprechung
Was den ganzen Markt hindurch täglich zu beobachten gewesen war, sei hier verewigt, ehe der
Vorhang fällt: Thorben, des Jarls Sohn, führte seinen Posten mit jener ruhigen Ernsthaftigkeit, die
manchem älteren Krieger zur Ehre gereichte. Sein Zelt hielt er offen und authentisch, spielte gegen
die Männer des Lagers Hnefatafl und Schach, ja wagte sich in ein fremdes Lager, um dort gegen
einen Schach-Großmeister anzutreten – und verlor. Knapp. Mit einer Haltung, die Respekt verdient.
Und Runa – des Jarls Tochter, klein an Jahren, unerschütterlich an Haltung – thronte bei den
täglichen Umzügen in der Kiepe, getragen von Tipi oder Barbaka, bewaffnet mit Axt oder Schwert,
den Blick über das Volk gerichtet wie eine Königin auf beweglichem Thron. Die Besucher blieben
stehen. Die Kameras zückten sich wie von Geisterhand. Runa schien dies für selbstverständlich zu
halten. Es ist wohl auch so.







Bei der Nachbesprechung jedoch ergriff eben jene Runa das Wort und richtete sich an Tipi mit
einer Direktheit, die selbst dem Gode die Sprache verschlug: Dennis sei gar nicht gestorben. Was
Tipi den Kindern erzählt hatte, um die Geschichte lebendiger zu gestalten, war dem jungen Prüfgeist
nicht entgangen. Der Huscarl lebt. Die Lüge ist aufgeflogen. Tipi nahm es mit Würde.


So endete das Anno 1280 des Jahres 2026: im Schlamm begonnen, in gutem Gedächtnis
geendet. Denn das ist das Wesen der Vagabunden – sie schlagen ihr Lager auf, wo andere zögern,
sie lachen, wo andere klagen, und sie fahren heim mit Geschichten, die man noch in Jahren erzählen
wird. Von Pferden, die durch Zeltgassen galoppieren. Von einem Jarl auf unsichtbarem Eis. Von
Tipi-Topi. Und von acht unschuldigen Weingummis, die doch keineswegs unschuldig waren.
