
Vom größten Beltane in der Geschichte der Vagabunden Renis – und von jenen, die es unvergesslich machten
Es war angekündigt worden. Zu Jul, als die Feuer hoch loderten und Jarl Blorek vor der versammelten Sippe sprach, hatte er die Worte in die Nacht gesetzt wie Funken in den Wind:
Zu Beltane wird es das große Fest geben. Die Hochzeit des Jarls und der Völva. Einen Kampf. Das Fest der Hunderten.
Keiner zweifelte. Und keiner ahnte, wie sehr er die Wahrheit gesprochen hatte.
Die Dimensionen des Festes
Was die Vagabunden an jenem Wochenende auffahren ließen, soll hier festgehalten werden – damit die Nachwelt weiß, was es bedeutet, wenn diese Sippe ein Fest ausrichtet.
330 Liter Bier. Met, Lillet, Cola. 55 Kilogramm Fleisch vom Metzger des Vertrauens, darunter ein ganzes Spanferkel. Hähnchen, Currywürste, Kartoffeln, Salami, Eier, Salate, Nachspeisen, Kuchen. Vier Dutch Oven, die Peka, der große Spieß, Emailletöpfe, Chevys – und neun Feuerstellen, deren Rauch gen Himmel stieg wie ein Gebet an alle Götter gleichzeitig.
Die Götter sahen hin. Und sie nickten. Denn wer so kocht, meint es ernst.
Donnerstag – Das Beltaneritual. Der Beginn einer Reise.
Die Sippe versammelte sich. Das Feuer wurde entzündet. Und Gode Tippi trat in die Mitte.

Denn Beltane bei den Vagabunden ist nicht nur ein Fest – es ist ein Ritual. Ein Innehalten. Ein Schwören. Jeder hielt inne und schrieb auf eine Holzscheibe, was er in diesem Jahr erreichen, was er überwinden, was er hinter sich lassen wollte. Diese Scheiben werden verwahrt – und wer seinen Schwur erfüllt hat, darf sie zu Jul dem Feuer übergeben.
Doch in diesem Jahr hatte Gode Tippi das Ritual erweitert. Um etwas Uraltes. Um das Feuer der Fruchtbarkeit.
Wer wollte, konnte springen. Über das Feuer. Als Zeichen des Aufbruchs, des neuen Beginns, der Frucht.
Es sprangen die Vagabunden, Huscarl Barbaka, der Herzog mit seiner Frau Ninka.
Und als Erste – noch ehe die anderen Mut gefasst hatten – lief Larissa, älteste Tochter des Jarls und der Völva, mit ihrem Verlobten Patrick auf das Feuer zu. Zwei junge Menschen. Hand in Hand. Über die Flammen.
Die Sippe jubelte.
Bis Larissa verstand, wofür das Feuer genau stand.
Sie blieb kurz stehen. Dachte nach. Und fragte – mit dem Gesicht eines Menschen, dem gerade etwas dämmert – ob man auch zurückspringen könnte.
Die Götter lachten. Die Sippe lachte. Und Gode Tippi lächelte in seinen Bart.
Und in eben jenem Ritual, als die Schwüre gesprochen und die Scheiben beschrieben wurden – da begann auch die Reise eines jungen Mannes.
Fynn Haldorson, Sohn des Kriegers Haldor, trat an zur Mannwerdung. Nicht mit Fanfare und Festrede. Sondern so, wie echte Dinge beginnen: still, ernst, mit dem Wissen, dass die nächsten Tage zählen würden.
Freitag – Das Handfasting. Die Vermählung.














Der Freitag gehörte dem Ritual.
Aus weiter Ferne war er gekommen – Gode Taxus, in Island geweiht, in den alten Bräuchen verwurzelt wie eine Eiche im Nordwind. Er hatte den Weg auf sich genommen, um genau dies zu tun: Jarl Blorek und Völva Alva vor den Göttern und den Menschen zu verbinden.
Das Feuer brannte. Die Sippe stand. Die Gäste schwiegen.
Doch ehe die Worte gesprochen wurden, ehe das Band gelegt und der Met geteilt wurde – geschah ein erster Akt von großer Stille und noch größerer Bedeutung.
Jarl Blorek übergab seiner Völva das Ahnenschwert – sein Kampfschwert, Träger seiner Geschichte – zur Verwahrung. Bestimmt für Thorben, den Erstgeborenen, damit er, wenn er das Mannesalter erreicht, mit dem Schwert seines Vaters in die Schlacht ziehen kann.




So wird Erbe nicht geerbt. So wird es weitergegeben.
Und Völva Alva überreichte im Gegenzug Jarl Blorek ein neues Schwert – jenes, mit dem er fortan die Familie schützen wird.
Das alte Schwert geht weiter. Das neue beginnt seinen Dienst.
Dann wurden Brot geteilt, Met geteilt, das Band um ihre Hände gelegt. Und dann sprachen sie.










Was Jarl Blorek an jenem Abend sagte, war nicht das Werk von Worten. Es war das Werk von zwanzig Jahren. Er sprach davon, wie er sie 2002 zum ersten Mal wirklich sah – stark, eigenständig, mutig. Wie er sie die Treppe hinunter auffing, und seitdem nie aufgehört hat, sie aufzufangen. Er sprach vom Chromosom C – C für Chaos – und davon, dass er es nicht tauschen würde gegen irgendetwas auf der Welt. Von Höhen und Tiefen, von drei Kindern, von einem Weg, der immer ein gemeinsamer war. Und er bat Freya und Thor, ihren Bund zu tragen – in dieser Welt und in allen Welten, die noch auf sie warten.
„Wo ich gehe, gehst du. Wo ich stehe, stehst du. Und wo mein Weg endet, wartet deiner bereits auf mich.“
Was Völva Alva antwortete, traf tiefer noch. Sie sprach davon, dass ihr Sturz – jener Sturz, der alles begonnen hatte – der beste ihres Lebens war. Dass mehr als die Hälfte von allem, was sie ausmacht, mit ihm entstanden ist. Dass sie beide Feuerwerke sind – laut, leidenschaftlich, echt – und dass sie danach immer gemeinsam die Scherben zusammenkehren. Sie erwähnte den Aschenbecher. Mit der gebotenen Würde.
„Du bist mein Zuhause. Nicht dieses Haus, nicht diese Stadt. Nur du.“
Der Chronist schreibt selten mit zitternder Hand. An jenem Abend war es anders.











Gode Taxus vollendete das Band. Die Götter sahen zu. Die Sippe war still. Und das Feuer brannte.






Jarl Blorek und Völva Alva sind seit jenem Freitagabend im Mai des Jahres 2026 vor Göttern und Menschen verbunden. In dieser Welt. Und in allen Welten, die noch auf sie warten.


Freitag – Was der Abend noch bereithielt
Der Abend wurde kulinarisch getragen von Haldor – der an jenem Abend gleich zwei Dutch Oven 12 mit seinen legendären Kartoffelhähnchen befeuerte und dazu die große Peka auf den Tisch brachte. Arne flankierte mit zwei weiteren Dutch Oven 12, und Laurenja sorgte mit der Salatbar für den kühlen Ausgleich zwischen den warmen Töpfen.
Doch der Abend hielt noch eine Geschichte bereit, die der Chronist beinahe vergessen hätte.
Denn nach dem Ritual, nach Schwur und Band und Met, fand sich eine kleine Runde zusammen, in der zwei Welten aufeinandertrafen: Der Vater des Jarls – seines Zeichens Gewerkschafter und Arbeitsrechtler – geriet ins Gespräch mit den Chefs des Jarls im weltlichen Leben. Das Thema: Arbeitsrecht. Betriebsräte.
Was genau gesprochen wurde, ist nicht vollständig überliefert. Doch der Jarl selbst – frisch vermählt, eigentlich bester Stimmung – fragte sich kurzzeitig ernsthaft, ob er ab der kommenden Woche entweder ohne Arbeit oder mit Betriebsrat dastehen würde.
Beides trat nicht ein. Die Götter waren gnädig. Und der Vater des Jarls hatte, so munkelt man, sehr gute Argumente.
Samstag – Um 5 Uhr 15
Während die meisten der Sippe noch schliefen, stand Jarl Blorek auf. Um fünf Uhr. Am Morgen nach seiner Hochzeit.
Denn Georg Bärmann, Fleischer des Vertrauens, Freund des guten Handwerks, lieferte um 5 Uhr 15 das 25 Kilogramm schwere Spanferkel – höchstpersönlich, damit das Tier so frisch wie möglich seinen Weg ans Feuer finden konnte.
Er war nicht allein. Denn Üwey – der treue, unverwüstliche Üwey – saß noch am Feuer. Vom Vorabend. Einfach noch da. Wie selbstverständlich. Und so empfing der frisch vermählte Jarl das Spanferkel nicht allein im Morgengrauen, sondern in Gesellschaft eines Mannes, der offenbar beschlossen hatte, dass der Abend noch nicht vorbei war.
Manche Männer verbringen den Morgen nach ihrer Hochzeit im Bett. Jarl Blorek stand um fünf auf und machte Spanferkel. Und Üwey war dabei.





Georg Bärmann weiß, wohin er das nächste Mal liefert. Und Üwey weiß, wann der Abend endet. Offenbar: nie.
Samstag – Das Fest der Hundert
Dann kamen sie. Die Hundert. Und mit ihnen begann das größte Beltane in der Geschichte der Vagabunden Renis.
Das Spanferkel drehte sich am Spieß – goldbraun, knusprig, makellos. Tippi kredenzte seinen Rinderrouladentopf aus zwei Dutch Oven. Arne schickte Kartoffelgratin ins Rennen. Haldor erschien abermals mit der großen Peka. Dazu Salzkartoffeln, Nudeln und Tnorstens Gurken-Hackfleisch-Sahnesoße – jenes Gericht, das einfacher klingt als es schmeckt, und besser schmeckt als es klingt.



















Am Nachmittag das Kuchenbuffet mit Aufschnitt und Käse. Das Nachtischbuffet. Die Salatbar. Alles von Laurenja – dazu kommen wir noch.





Und zur Mitternacht trat der Jarl erneut ans Feuer. 100 Currywürste. Um Mitternacht. An seinem Hochzeitstag.
Manche Männer halten Reden auf ihrer Hochzeit. Manche tanzen. Jarl Blorek machte Currywurst.
Die Götter aßen mit. Da sei man sicher.
Ein Wort an alle stillen Hände
Doch wäre all das möglich gewesen ohne jene, die man selten beim Namen nennt?
Die Köche stehen am Feuer. Die Köche ernten den Ruhm. Doch hinter jedem Topf, hinter jeder Peka, hinter jedem Gratin stehen Hände, die stundenlang schnibbeln, schälen, würfeln, schneiden. Kartoffeln. Gurken. Brot. Salami. Käse. Zwiebeln. Kräuter. All das landet nicht von selbst im Topf.
Es sind die Vagabunden, die im Hintergrund arbeiten – ohne Aufhebens, ohne Erwartung von Dank, weil es einfach getan werden muss und weil sie es einfach tun. Ohne sie stünden die besten Köche der Sippe mit leeren Händen am Feuer.
Diese Chronik verneigt sich. Vor jedem geschälten Knolli. Vor jeder kleingeschnittenen Gurke. Vor den stillen Händen, die das Fest erst möglich machen.
Samstag – Was der Tag noch bereithielt
Da war die Sache mit Lea und dem Schlüssel. Jener kleine Schlüssel zur Umkleide, der sich still und heimlich ans Kleid der guten Lea geheftet hatte – ohne dass sie es ahnte. Als Huscarl Barbaka, ohne ein Wort zu verlieren, quer über den Platz schritt, den Schlüssel löste und ihn kommentarlos zu Julia brachte, schaute Lea hinterher – mit jenem Blick, den man macht, wenn man nicht weiß, ob man lachen oder fragen soll. Sie tat beides. Keins davon half.
Und dann war da Tippi. Flach auf der Liege, den Göttern nah und der Wirklichkeit fern. Als Lea, stets fürsorglich, sich um ihn kümmerte und zu ihm sprach, wandte er sich ihr mit matter Stimme zu:
„Bitte rede nicht mehr mit mir.“
Fünf Worte. Würdevoll. Klar. Unwiderlegbar. Die Götter hatten Humor. Lea hatte Verständnis. Tippi hatte seine Ruhe.
Samstag – Thor segnet die Vermählung
Der Tag war strahlend gewesen. Blauer Himmel. Bestes Wetter. Die Götter hatten zugeschaut – freundlich, wohlwollend.
Doch als das große Fest sich seinem Ende näherte, als die letzten Stunden anbrachen und die Sippe in jenem stillen, satten Glück saß, das nur nach einem wirklich guten Tag entsteht – da zog es auf. Klein zunächst. Dann heftig. Ein Gewitter fegte über die Dächer der Vagabunden hinweg, brachte Donner und Blitz und Regen, und war so schnell wieder fort, wie es gekommen war.
Der Chronist zweifelt nicht an der Bedeutung dieses Moments.
Thor war erschienen. Nicht um zu stören. Sondern um zu segnen.


Denn wessen Hochzeit Thor persönlich mit einem Gewitter krönt – der muss es richtig gemacht haben.
Samstag – Die Wettkämpfe
Die Hundert Gäste wurden in zwei Lager geteilt. Team Jarl. Und Team Völva. Blorek und Alva standen nicht selbst im Ring – sie führten ihre Krieger an. Laurenja leitete mit ruhiger Hand und klarer Stimme durch alle sechs Disziplinen.
⚔️ Schwertkampf: Team Völva. 🔨 Nagelklopfen: Team Völva. 🪢 Tauziehen: Team Jarl – das einzige Licht in einer langen Nacht der Niederlagen. ❌⭕ Tic Tac Toe: Team Völva. 📖 Quiz zur Fantasywelt: Team Völva. 💑 Quiz übereinander: Team Völva.









5 zu 1.
Völva Alva weiß das. Sie wusste es schon vorher. Das ist vermutlich der Grund, warum sie ihn geheiratet hat.
Sonntag – Die Aufnahme
Vier Tage hatte er gewartet. Vier Tage geprüft, bestanden, ausgehalten.
Die Prüfung der Geschicklichkeit. Die Prüfung der gesellschaftlichen Akzeptanz – bei Hundert Gästen vielleicht die härteste von allen. Die Prüfung der Kriegskunst.
Auch wenn die Mannwerdung in diesem Jahr vom großen Glanz der Hochzeit überstrahlt wurde – Fynn Haldorson ließ sich nicht unterkriegen. Er trat an. Er bestand. Mit Bravour. Mit Würde. In vollem Ernst.
Am Sonntag wurde er in den Kreis der Krieger aufgenommen. Er sprach den Treueschwur gegenüber Jarl Blorek – laut und klar, wie es ein freier Mann tut, der sich bewusst bindet. Und er empfing den ersten Armreif – jenes schlichte, schwere Symbol, das mehr sagt als tausend Worte.
Seines Vaters Sohn. Haldors Blut. Haldors Stolz. Und nun: ein Vagabund.
Möge er den Reif besser hüten als gewisse andere in dieser Sippe. (Der Armreif, den man hier nicht nennen muss, grüßt aus der Chronik des Jul.)
Eine Huldigung – Laurenja
Es gibt Menschen, die auf einem Fest dabei sind. Und es gibt Menschen, ohne die kein Fest stattfinden würde.
Laurenja, Schwester des Jarls, Blut von seinem Blut – gehört zur zweiten Sorte.
Sie bereitete die Salatbar vor. Das Kuchenbuffet mit Aufschnitt, Käse, Oliven und Brot. Das Nachtischbuffet. Dreimal aufgebaut, dreimal bestückt, dreimal dargereicht. Sie übernahm die komplette Beschilderung des Festes – jedes Gericht, jeder Weg zur Toilette, die Jamaika Lounge, die Zuber-Umkleide. Hundert Gäste fanden sich zurecht, weil eine Frau dafür gesorgt hatte, dass sie es konnten. Und sie leitete als Spielleiterin die Wettkämpfe zwischen Team Jarl und Team Völva – mit jenem Überblick, den man braucht, wenn ein Jarl und eine Völva aufeinandertreffen und beide gewinnen wollen.
Der Chronist verneigt sich.
Der Jarl hat gut daran getan, eine solche Schwester zu haben. Und noch besser daran, sie mitgebracht zu haben.
Lea – Eine neue Weggefährtin
Der Huscarl Barbaka erschien an jenem Wochenende nicht allein. An seiner Seite betrat Lea den Kreis – liebreizend, aufmerksam, von Anfang an mittendrin statt nur dabei.
Ihr erster Besuch bei den Vagabunden. Und was für einer.
Sie half, wo Hilfe gebraucht wurde. Sie packte an, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Sie bewies jenen Charakter, den die Vagabunden über alles schätzen: den eines Menschen, dem es nicht ums Zusehen geht, sondern ums Dabeisein.
Die Tür der Vagabunden steht ihr offen. Jederzeit.
Der Chronist blickt mit gespanntem Auge in die Zukunft und fragt sich – ganz unverbindlich, ganz ohne Druck – wann wohl der Antrag auf Mitgliedschaft gestellt wird.
Die Götter wissen es bereits. Der Chronist wartet.
Der Ruf der Vagabunden wächst
Unter den Hunderten, die an jenem Wochenende den Weg zu Beltane fanden, war keiner, der nicht Gutes zu berichten wusste. Über das Essen. Über die Spiele. Über die Atmosphäre. Über die Vagabunden selbst – ihre Art, ihr Wesen, ihr Miteinander.
So munkelt man jedenfalls. Und so munkelt man weiter: Dass der eine oder andere Gast bereits leise gefragt haben soll – fast beiläufig, fast als wäre es kein großes Ding – wie man eigentlich ein Vagabund wird.
Denn wer fragt, hat bereits den ersten Schritt getan. Und wer den ersten Schritt getan hat, kennt den Weg. Und wer den Weg kennt – der findet ihn wieder.
Das Feuer erlosch. Doch die Geschichten brennen weiter.
